Donnerstag, 27. Mai 2021

A.

 Was das hier wird? Ich weiß es nicht. Ich möchte dir einfach schreiben. Dir meine Gedanken mitteilen.
Aber das geht nicht mehr. Jedenfalls nicht so. Also sitze ich hier, höre die Lieder, die wir damals zusammen in deiner Küche gesungen haben und schreibe. Ich vermisse diese Zeit. Ich vermisse unsere Freundschaft so sehr, ich habe manchmal das Gefühl es zerreißt mich. 

Da sind Tage, da ist es okay. Jedenfalls rede ich es mir ein. Es ist besser. Doch dann erinnert mich irgendeine Kleinigkeit an Dich, und es ist als würde man mir einen Tritt in den Bauch geben. 

Du warst mein Anker, mein Halt, mein sicherer Hafen. Du kanntest mich in und auswendig und ich dich. 
Gott, ich habe mit niemanden so viel Zeit verbracht, wie mit dir. Es war, als gäbe es uns nur im Doppelpack. 

Weißt du noch, als wir am Wochenende Stundenlang bei dir in der Küche saßen und geredet haben?
Wir haben sogar unsere erste gemeinsame WG geplant. 
Oder unsere Spaziergänge an warmen Sommerabenden. Ich habe mich nie wieder so vollkommen glücklich gefühlt, wie an diesen Abenden. Nie wieder. 

Manchmal denke ich aber, ich vermisse die Personen, die wir damals waren. Die Personen, die wir nun einfach nicht mehr sind. Wir waren schon immer so verschieden und doch hat gepasst. Für den Moment. Für den Augenblick. Doch irgendwann war dieser Augenblick vorbei. 

Oft vergleiche ich uns mit zwei Vögeln im goldenen Käfig. Du bist hinaus gekommen, hast deine Flügel gespreizt und bist davon geflogen. Mir stand diese Tür auch offen, aber ich konnte nicht hinaus. Als wären meine Flügel lahm. Und inzwischen hat sich die Tür vom Käfig wieder geschlossen und ich sitze immer noch hier drin. Ziemlich allein.

Und dann kam eine neue Zeit. Alles hat sich verändert. Ich habe so sehr versucht an dir, an uns, festzuhalten, dass ich nicht gemerkt habe, wie sehr uns das auseinander gerissen hat. 
Und während all dieser Zeit hast du dich weiter entwickelt, hast neue Leute kennen und lieben gelernt, bist so sehr gewachsen und ich bin so stolz auf dich.
Ich dagegen stand mir, wie so oft, selbst im Weg. Gefangen in mir selbst. War schon immer anders. Passte irgendwie nicht rein. Lustig, das ich jetzt, Jahre später mit einer autistischen Störung diagnostiziert wurde, oder? 
Ich weiß noch, wie wir in der, ich glaube, 9.Klasse in Englisch so einen Selbsttest gemacht haben und ich bei diesem auch "genug" Punkte hatte. Haha, dachte ich damals, ha ha. 

Passt irgendwie. Hilft mir zumindest, mich selbst ein wenig besser zu verstehen. 

Und dann kam der große Knall. Verlust. Trauer. Und ich wusste nicht, wie ich dir helfen kann. Da lag so viel zwischen uns und ich hatte das Gefühl, nicht mehr diejenige zu sein, die du brauchst. Die dir Trost geben kann.

"Ich hätte dich am meisten gebraucht."

Aber wie, wenn sich zwischen uns inzwischen ein Ozean aufgetan hat? Ich habe keine Worte gefunden und das tat dir weh. Aber als wir Tage später einen Videoanruf gemacht haben, konnte ich dir kaum in die Augen schauen. Weißt du noch, als wir jeden Tag, den wir uns nicht sehen konnten, zusammen "geskypt" haben? 

Es tut mir so leid, das ich nicht die Freundin sein konnte, die du gebraucht hättest.
Es tut mir leid, dich so verletzt zu haben.

Vielleicht schreibe ich dir ab und zu. Und wer weiß, vielleicht liest du es irgendwann. 


 

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