Mittwoch, 15. Juli 2020

#2 "you can walk straight trough hell with a smile"

Am Dienstag ist das passiert, wovor ich schon eine längere Zeit Angst vor hatte.
Mir geht es seit Wochen nicht gut.

Und dann hat meine Kollegin, welche ich sehr mag, einen Kommentar in einem für mich sehr schroffen Ton fallen gelassen.

"Manchmal habe ich das Gefühl, du stehst dir selbst im Weg. Du kannst, du musst, mehr aus dir rauskommen."
Ich starre sie an. Tränen schießen in meine Augen, ich versuche krampfhaft sie zu unterdrücken, sie irgendwie weg zu atmen. Aber es klappt nicht.
Sie redet weiter. "Du musst jetzt auch nicht weinen, es ist alles gut. Vielleicht erwarte ich manchmal auch noch zuviel, du bist noch so jung und machst so vieles schon richtig gut. Ich arbeite gerne mit dir." In dem Moment erreichen mich ihre Wörter kaum noch und ich habe kurz das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Zwischen tiefen Luftzügen drücke ich ein "Tut mir leid" raus.
"Wollen wir kurz in den Nebenraum gehen?"
Eine Vertretungskraft betritt in dem Moment unsere Gruppe. Sie sieht meine Kollegin und mich und meint das sie kurz hierbleiben kann, wenn wir kurz reden wollen. Peinlich.
Kaum hat meine Kollegin die Tür hinter sich geschlossen, bricht es komplett aus mir heraus.
Ich habe wieder das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen und bemerke ihre Hand auf meinem Rücken. "S., es ist alles gut, beruhig dich. Ist denn sonst alles in Ordnung? Ich weiß ja nicht, wie es privat bei dir so aussieht.."
Ich war so fertig, das ich gar nicht über meine Worte nachdachte. Ich erzählte ihr, das es mir in den letzten Wochen nicht gut geht. Das ich mich so zuletzt vor Jahren gefühlt habe und es jetzt nicht mehr darf. Das ich manchmal in einem Chaos aus Gedanken versinke. Ihr Blick ruht auf mir, sie streichelt mir den Rücken und ich merke das sie sich ihre nächsten Worte überlegt.
"Darf ich fragen, ob das -sie zeigt auf meine Arme- auch aus dieser Zeit kommt?" Ich nicke und probiere mich aus meinem Heulanfall rauszuholen, indem ich mich auf meine Atmung konzentriere.
Woran ich kläglich scheitere.
"Okay, pass auf, du kannst so lange hier drin bleiben, wie du willst. Nimm dir die Zeit. Oder möchtest du raus gehen?"
Das hört sich vielleicht auch wieder "schroff" an, aber in der Gruppe sitzt schließlich auch unsere Kollegin mit 11 Kindern.
Ich sage ihr, das ich einfach hier drin bleibe, aber gleich raus komme.
Sie legt ihre Hand noch einmal auf meine Schulter und geht dann raus.

Sie hat kaum die Tür hinter sich zu gezogen, da überkommt mich erneut diese scheinbar unendliche Traurigkeit. Ich sacke auf dem Kinderhocker zusammen. Ich höre meine Kollegin hinter der Tür scharf die Luft einziehen. Es tut mir in dem Moment so Leid, ihr das zugemutet zu haben.

Sie öffnet die Tür und schaut mich traurig an. Dann kniet sie sich neben mich hin, legt ihre Hand auf mein Bein und sagt, das alles gut werden wird. Ich sei ein toller Mensch und das ich stark bin, weil ich mit ihr rede. Das sie mich gern hat.

Ich kann nicht viel mehr machen, als zu nicken. In die Augen schauen mag ich ihr nicht. Ich schäme mich so.

Nach ein paar Minuten des Schweigens, versuche ich sie anzulächeln. Ich habe mich inzwischen beruhigen können. Ich sage ihr, das ich noch einmal kurz an die frische Luft gehen möchte und ich dann wieder da bin. Und das sie sich keine Gedanken um mich machen soll.

Draußen versuche ich mich davon abzuhalten, wieder in dieses Loch zu fallen.
Ein und ausatmen, Ein und ausatmen. 

Der Rest des Tages war okay. Wir haben nicht mehr darüber gesprochen, aber ich habe zwischendurch ihren Blick auf mir bemerkt. Nach der Arbeit habe ich überlegt, ihr noch eine Nachricht bei Whatsapp zu schreiben, aber umso länger ich dadrüber nachdachte, umso mehr habe ich mich geschämt.
Ich habe nun bis Montag Urlaub. Vielleicht, wenn ich den Mut aufbringen kann, bedanke ich mich dann bei ihr. Sie ist der erste Mensch, welchen ich seit Wochen so an mich ran gelassen habe.
Der mich so gesehen hat. Ich wollte stark sein, stärker als meine Gedanken.

Aber das bin ich nicht.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen